Lehrpersonenmangelerscheinungen

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Liebe Leserin
Lieber Leser

Nun wirken selbst die hartnäckigsten Verdrängungs- und Verharmlosungsmechanismen nichts mehr, zu erdrückend sind Faktenlage und Medienberichte: Der grosse Lehrpersonenmangel in der Schweiz ist Tatsache. Die Verbände haben seit Jahren eindringlich vor der Zeitspanne gewarnt, in der durch das Bevölkerungswachstum einerseits und das Erreichen des Pensionsalters der Babyboomer-Generation andererseits immer mehr Schulklassen auf immer weniger Lehrkräfte treffen würden. Genau da sind wir heute angekommen.

Selbst ohne jede pädagogische Ausbildung darf unterrichtet werden, jedermann kann sich für die Stellen bewerben. Was in keinem anderen Beruf denkbar wäre, ist an den Schulen kein Tabu mehr. Kaum zu glauben!

Wie krass die Lage geworden ist, zeigt sich etwa im Kanton Zürich, wo für das kommende Schuljahr fast 1000 (!) Lehrpersonen fehlen. Und nun greift das «Jekami»-Prinzip vollends: Selbst ohne jede pädagogische Ausbildung darf unterrichtet werden, jedermann kann sich für die Stellen bewerben. Was in keinem anderen Beruf denkbar wäre, ist an den Schulen kein Tabu mehr. Kaum zu glauben!

Was dabei verschwiegen wird: Die Situation ist in Wahrheit schon lange noch dramatischer als das, was nun öffentlich wird. An unzähligen Schulen unterrichten nämlich Studierende mit grossen Pensen sowie Lehrpersonen ohne entsprechende Fächerdiplome. Dies kann eine Notlösung sein, darf aber nicht zum Courant normal werden. Wo «Englischlehrer» oder «Physiklehrerin» draufsteht, soll selbiges auch drin sein.

Bereits zu Zeiten von Bildungsdirektor Urs Wüthrich-Pelloli hatte der LVB mehrfach darauf gedrängt, herauszufinden, wie viele Lehrpersonen im Kanton Basel-Landschaft fachfremd unterrichten. Eine entsprechende Evaluation wurde nie realisiert.

Gespannt bin ich, ob die politischen Apolegeten des heiligen, allumfassenden Marktes diesen nun auch im Kampf zwischen den Kantonen um das unterrichtende Personal ausrufen werden.

Gespannt bin ich, ob die politischen Apolegeten des heiligen, allumfassenden Marktes diesen nun auch im Kampf zwischen den Kantonen um das unterrichtende Personal ausrufen werden. Ich unterrichte seit 21 Jahren im Kanton Basel-Landschaft. Eine Reallohnerhöhung habe ich, im Unterschied zu einer Lohnsenkung, in dieser Zeit noch nie erlebt, dafür drei Sparpakete und eine Pensionskassen-Revision mit massiven Verschlechterungen. Als einziger Kanton (!) neben dem Tessin hat Baselland die Altersentlastung für Lehrpersonen abgeschafft. Und selbst beim Teuerungsausgleich wurde über Jahre zulasten des Staatspersonals politisch getrickst. Gute Werbung seitens Arbeitgeber sieht anders aus.

Müsste sich angesichts des gravierenden Lehrpersonenmangels mein Wert für den Arbeitgeber, den Gesetzen des Marktes gehorchend, als begehrtes Objekt mit Diplom, Berufserfahrung und tadellosem Leumund, nicht erheblich gesteigert haben? Auf der Website unseres Kantons war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch eine dreistellige Zahl an «Schul- und Lehrberufen» ausgeschrieben für das neue Schuljahr. Im Baselbieterlied heisst es: «Mer wei luege …»

Ach ja: Durch meinen Rücktritt als LVB-Präsident auf Ende der Amtsperiode und die Wahl meines Nachfolgers Philipp Loretz könnte dies mein letztes Editorial sein, denn normalerweise ist der vorderste Text im Heft dem Präsidium vorbehalten. Ob wir das allerdings in Zukunft so rigide handhaben werden, steht noch nicht fest. Klar ist, dass ich Sie als Redaktionsleiter und Vielschreiber des «lvb inform» auch weiterhin mit meinen Artikeln erfreuen, verärgern, belustigen oder zum Denken anregen werde.

Apropos Philipp Loretz: Wir sind beide Solothurner und haben um die Jahrtausendwende unser Lehramtstudium an der Universität Bern abgeschlossen. Beworben haben wir uns damals aber ausschliesslich im Kanton Baselland, weil dieser zu jener Zeit in der Nordwestschweiz deutlich die attraktivsten Anstellungsbedingungen bot. Viele andere Solothurner Lehrkräfte haben es uns gleichgetan. Heute hat das Baselbiet diese Pole-Position nicht mehr inne, da Solothurn und Aargau in der Zwischenzeit ihre Konditionen erheblich nachbessern mussten. Sie dürften bestimmt erraten, weshalb: Weil sie noch früher schon heftig den Lehrpersonenmangel zu spüren bekommen hatten.

Roger von Wartburg

 

Hinweis: Am 4. Juli 2022 wurde dieser Artikel auch in unserer Verbandszeitschrift «lvb inform» veröffentlicht.

Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland LVB

Kantonalsektion des LCH
Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

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4142 Münchenstein
www.lvb.ch
info@lvb.ch

Philipp Loretz • Präsidium, Medien, Publikationen & Pädagogik
Maddalena Pezzulla • Vizepräsidium, Geschäftsführung & Mitgliederverwaltung
Roger von Wartburg • Redaktion, Dokumentation, Stellungnahmen & Anlässe
Isabella Oser • Beratung, Mediation & Rechtshilfe
Martin Loppacher • Sozialpartnerschaft & Personalfragen

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