Schulanfang mit fachfremden und stufenfremden Lehrpersonen / auch mit Laienlehrpersonen

Carl Bossard, Gastreferent an der LVB-DV/MV vom 21. September 2022, ist Pädagoge mit Leib und Seele, war jahrzehntelang als Lehrer tätig, wurde Gründungsrektor der PH Zug und betätigt sich heute als Kursleiter, Schulberater und Publizist. Seine blitzgescheiten und praxisnahen Analysen und Kommentare finden sich regelmässig in allen grossen Printmedien, am Radio und im Fernsehen. Am 15. August wurde Carl Bossard für die Tagesschau von SRF zur Thematik «Schulstart mit Laienlehrpersonen» befragt. Da Beiträge in Nachrichtensendungen immer sehr verknappt werden, hat er uns freundlicherweise seine Überlegungen zur Problematik in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt. Wir laden Sie dazu ein, diese zu lesen.
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Vor-Überlegungen Carl Bossard

Was meinen Sie zur Situation, dass fachfremde und stufenfremde Personen unterrichten können? Und sogar Laienlehrpersonen ohne jede pädagogische Ausbildung?

Schulen müssen heute (nach den Sommerferien) starten können, das steht ausser Zweifel. Wie die SBB-Züge. Das Problem liegt in der Art der Problemlösung. Ob ein Laienlokomotivführer mit einem Schnellkurs an Ausbildung aufbrechen und abfahren darf? Ich glaube kaum. Doch mit Kindern und Jugendlichen geht das angeblich.

Es sind verzweifelte Notaktionen. Die bildungspolitisch Verantwortlichen haben die Zeichen an der Wand negiert. Dies seit Jahren. Es sind schwere Versäumnisse. Nun reagieren sie. Doch wie kann jemand in einer Woche in diese höchst anspruchsvolle Aufgabe hineinwachsen und das Grundlegende des pädagogischen Berufs erlernen? Wie kann jemand ohne fachliche Ausbildung wirksam unterrichten? Nämlich: die subtilen Lernprozesse der Kinder altersgerecht steuern und strukturieren. D.h. systematisch Wissen und Können sowie Haltungen aufbauen, die Kinder und Jugendlichen zum Verstehen führen? Und eine Klasse im pulsierenden pädagogischen Parterre leiten? Das ohne entsprechende Ausbildung, allenfalls in einer Woche. Das ist mir schleierhaft. Und das ist das Kernproblem. Die Leidtragenden sind die Kinder.

Dazu kommen die unheilvollen Signale, die von dieser Massnahme ausgehen.

Die versteckte Botschaft heisst doch: Schnellbleiche genügt! Unterrichten kann jede und jeder! Was sich andere in einem mehrjährigen Studium erarbeiten, lässt sich auch innert einer Woche erlernen. So etwas

  • ramponiert das berufliche Renommee noch mehr,
  • zehrt am Lehrerimage und
  • verstärkt gleichzeitig den grassierenden Lehrermangel.
  • Vom Affront gegenüber erfahrenen Lehrerinnen und guten Lehrern nicht zu reden.
 

Dabei wollten die PH-Rektorinnen und -Rektoren der Schweiz noch vor Kurzem die Ausbildung zur Kindergärtnerin und zum Primarlehrer um die Hälfte verlängern – zu einem mindestens viereinhalbjährigen Masterstudium. Also fast fünf Jahre. Wie passt denn das zusammen? Ausbildung verlängern – und jetzt kann man einfach einsteigen, allenfalls begleitet?

Wird sich die Situation in nächster Zeit verbessern?

Als Lehrer muss man ein Geschwisterpaar zur Seite stehen haben: den Optimismus und die Zuversicht. Das sind wir den Kindern schuldig. Doch hier bin ich skeptisch.

Die Bildungspolitik wird sich – und das zeigt die Erfahrung der vergangenen Jahre – wieder mit Vordergründigem begnügten, mit Oberflächlichem, mit Symptomen. Vielleicht denkt man über etwas mehr Lohn nach, spricht von gezielter Unterstützung, verspricht bessere Job-Portale, wie das Luzern vorschlägt, bildet zusätzliche Kommissionen und redet davon, die Weiterbildung attraktiver zu gestalten. Das ist es doch nicht.

Niemand stellt sich die Frage, warum so viele so schnell das Schulzimmer verlassen: sieben Prozent pro Jahr, am meisten in den ersten drei bis fünf Berufsjahren. Wir haben nicht zu wenig Lehrpersonen, wir haben zu viele, die zu schnell wieder gehen oder den Beruf nicht einmal aufnehmen.

Ich vermisse in der Schweiz und in der Bildungspolitik die kritisch-analytische Sicht gegenüber dem Ist-Zustand, und zwar eine systemische. Wir lügen uns doch weiterhin in die Tasche. Was wir tun sollten: kritisch und ehrlich analysieren, wo in der Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen Fehler gemacht werden und wo wir ein Systemversagen haben.

Die Fragen müssten – etwas in Eile formuliert – dahin zielen:

  1. Was läuft in der Ausbildung falsch? Warum werden die jungen Lehrerinnen und Lehrer in den ersten Berufsjahren verheizt? und / oder
  2. Ist die Praxis so anspruchsvoll geworden, dass die Lehrpersonen bald nicht mehr können und ausgequetscht sind? Dass immer weniger das Amt einer Klassenverantwortlichen übernehmen wollen.
  3. Oder hat die PH die falschen Leute angezogen?
 

Wir dürfen uns dabei nicht in Kleinkriegen verlieren, im Hickhack. Wir wissen klar und deutlich: Die Lehrer-Misere ist selbstverschuldet – von den Stäben und den Bildungsverantwortlichen. Es läuft doch etwas falsch, und zwar schon lange. Und man will es nicht zugeben. Und jetzt tun wir so, als könnten wir mit ein paar Pflästerchen das Ganze bewältigen.

Niemand stellt die Frage, warum so viele so schnell das Schulzimmer verlassen: sieben Prozent pro Jahr, am meisten in den ersten drei bis fünf Berufsjahren. Wir haben nicht zu wenig Lehrpersonen, wir haben zu viele, die zu schnell wieder gehen oder den Beruf nicht einmal aufnehmen. Die PH’s sind eine Art Durchlauferhitzer für viele Leute, die gar nicht Lehrerin, Lehrer werden wollen. Auch das müsste man – wie angetönt – kritisch durchleuchten.

Es sind zu viele Top-down-Reformen der vergangenen Jahre. Bildung wurde «vernormisiert» und «veradministriert». Das Organisatorische dominiert das Pädagogische.

Waren die Bildungsverantwortlichen auf diese Situation nicht vorbereitet? Wo liegt Ihrer Meinung nach das vertiefte Problem?

Es gibt viele und vor allem vordergründige Antworten: Pensionierungswelle, mehr Schülerinnen und Schüler, Flüchtlingskinder aus der Ukraine. Das alles mag stimmen; doch vieles hätten die Verantwortlichen antizipieren können. Ich wiederhole mich: Die weiterführende Frage aber wird gar nicht gestellt: Warum dieser Exodus aus der Schule?

Es sind die vielen Top-down-Reformen der vergangenen Jahre. Bildung wurde «vernormisiert» und «veradministriert». Das Organisatorische dominiert das Pädagogische. Die Belastung der Lehrpersonen als Folge dieser Reformen mit der verstärkten Integration und der Verzettelung ins fachliche Vielerlei stieg. Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich gefangen im Korsett einer künstlich konstruierten Komplexität, die sie nicht mehr bewältigen können. Vieles, zu vieles wird vorgeschrieben und von oben verordnet – oder eben gesteuert. Das minimiert die pädagogische Freiheit. Und die Freiheit gehört zur DNA jeder Lehrperson.

Die Folgen dieser Bildungssteuerung von oben wurden verdrängt. Dem Lehrerinnen- und Lehrermangel gingen der Ausstieg aus dem Beruf und die Flucht in Teilpensen voraus: Das ist seit Jahren bekannt. Der Schweizer Bildungsbericht 2018, das Standardwerk zur Schweizer Bildungspolitik, zeigt diese Tendenz deutlich auf. Der Lehrermangel kommt also nicht überraschend. Die Krise kündigte sich an. Man bekommt den Eindruck nicht los: Für gewisse Bildungsfunktionäre lag die Lösung des Problems in der Negierung des Problems. Nun zeigt sich die Bildungspolitik erstaunt und reibt sich die Augen. Wie wenn man es nicht gewusst hätte!

4 Antworten

  1. «Wir lügen uns doch weiterhin in die Tasche. Was wir tun sollten: kritisch und ehrlich analysieren, wo in der Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen Fehler gemacht werden und wo wir ein Systemversagen haben.» (Carl Bossard)

    Der Physiker und Kabarettist Vince Ebert drückt es so aus: «Wenn ich vermute, im Kühlschrank könnte noch Bier sein und ich gucke nach, betreibe ich eine Vorform von Wissenschaft […] Wenn ich nur sage, im Kühlschrank ist Bier, bin ich Theologe. Wenn ich nachgucke und nichts finde und trotzdem behaupte, es ist Bier drin, dann bin ich Esoteriker.» (Vince Ebert, «Denken lohnt sich»)

  2. Richtig analysiert. Nichtsdestotrotz sind auch die PHs als Turbolader all der unsinnigen Reformen in die Pflicht zu nehmen. Zu viele Mitwirkende an der Spitze der pädagogischen Nahrungspyramide sorgten aus kafkaesker Begründung ihrer beruflichen Existenz für Schaum in der Schulsuppe. Davon berichten sowohl Studentinnen und Studenten wie auch die Lehrpersonen, die unter den beinah jährlich wechselnden Paradigmen zu leiden hatten.
    Von der Bildungspolitik ganz zu schweigen. Politikerinnen und Politiker denken in der Regel eh nur bis zum Datum ihrer allfälligen Wiederwahl.

  3. „Bildung wurde vernormisiert und veradministriert.“ Diese Aussage spricht mir aus dem Herzen. Genau dies sind die Gründe, warum ich nach über 30 Jahren als Lehrerin meinen Beruf an den Nagel hänge, da ich die Freiheit nicht mehr leben kann, obwohl es meine Berufung ist.

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